Geordnetes Paar: Definition von Frege: Unterschied zwischen den Versionen
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Wesentlich für das Verständnis von Freges Definition ist, die Bedeutung des | Wesentlich für das Verständnis von Freges Definition ist, die Bedeutung des Wertverlaufs einer Funktion und die Frown-Funktion zu kennen. | ||
Auch hier leitet die Literatur einen leicht in die Irre. Beispielsweise interpretiert Edward Zalta (2014, Abschnitt 2.3) die Frown-Operation | Auch hier leitet die Literatur einen leicht in die Irre. Beispielsweise interpretiert Edward Zalta (2014, Abschnitt 2.3) die Frown-Operation | ||
als Element-Operation $\in$.<ref>{{Quelle|Zalta (2014)}}</ref> | als Element-Operation $\in$.<ref>{{Quelle|Zalta (2014)}}</ref> | ||
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===Der Definitiondoppelstrich=== | |||
$\Vdash$ ist der „Definitionsdoppelstrich“, der von Frege als Erweiterung des „Urtheilstrich“s $\vdash$ | $\Vdash$ ist der „Definitionsdoppelstrich“, der von Frege als Erweiterung des „Urtheilstrich“s $\vdash$ | ||
definiert wird (Frege (1893, §27 und §5)<ref name="Frege (1893)"/>). Das Symbol $\vdash$ wird in der Logik heute noch als „Herleitungs“-/„Ableitungs“- bzw. „[[Inferenzoperator]]“ verwendet (siehe z.B. den Abschnitt „[[#Das Paaraxiom|Das Paraxiom]]“). | definiert wird (Frege (1893, §27 und §5)<ref name="Frege (1893)"/>). Das Symbol $\vdash$ wird in der Logik heute noch als „Herleitungs“-/„Ableitungs“- bzw. „[[Inferenzoperator]]“ verwendet (siehe z.B. den Abschnitt „[[#Das Paaraxiom|Das Paraxiom]]“). | ||
===Der Wertverlaufsoperator=== | |||
Der Operator $\acute\cdot$ wird von Frege genutzt, um den Wertverlauf einer Funktion $\phi$ zu beschreiben. | |||
Laut Kutschera (1989, S. 96)<ref name = "Kutschera">{{Quelle|Kutschera (1989)}}</ref> kann man den zugehörigen | |||
Wertverlauf $\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ in heutigen Klassensystemen durch die Klasse $\{[\epsilon,y]: y=\phi(\epsilon)\}$ ausdrücken. | Wertverlauf $\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ in heutigen Klassensystemen durch die Klasse $\{[\epsilon,y]: y=\phi(\epsilon)\}$ ausdrücken. | ||
Für Frege sind Funktionen allerdings grundlegender als Klassen. Er wusste | Für Frege sind Funktionen allerdings grundlegender als Klassen. Er wusste | ||
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Daher ist „Werthverlauf“ für ihn ein Grundbegriff, der nicht definiert, sondern nur erläutert werden kann.<ref name = "Kutschera"/> | Daher ist „Werthverlauf“ für ihn ein Grundbegriff, der nicht definiert, sondern nur erläutert werden kann.<ref name = "Kutschera"/> | ||
Heute wird zwischen einer Funktion und ihrem Wertverlauf i.Allg. nicht mehr unterschieden. Im Gegenteil: Funktionen werden | Heute wird zwischen einer Funktion und ihrem Wertverlauf i.Allg. nicht mehr unterschieden. Im Gegenteil: Funktionen werden | ||
mit Hilfe von Wertverlaufsklassen definiert (siehe z.B. Schmidt (1966)<ref name="Schmidt (1966)">{{Quelle|Schmidt (1966)}}</ref>). | mit Hilfe von Wertverlaufsklassen definiert (siehe z.B. Schmidt (1966)<ref name="Schmidt (1966)">{{Quelle|Schmidt (1966)}}</ref>): | ||
Eine Funktion $f$ ist eine Klasse von Paaren, wobei es keine zwei Paare $[x_1, y_1], [x_2, y_2] \in f$ gibt, für die | |||
$x_1 = x_2$, aber $y_1 \not= y_2$ gilt. | |||
Da Funktionen (genauer: Wertverläufe von Funktionen) wesentlich für die Definition des Freges-Paares sind, können Funktionen nicht mit Hilfe des Frege-Paares | |||
(als Klasse von Paaren) definiert werden können. Das war aber auch nicht die Absicht von Frege. Er benötigte die Paare zur | |||
Konstruktion von [[reele Zahl|reellen Zahlen]] (vgl. Frege (1903, §161 ff.)<ref>{{Quelle|Frege (1903)}}</ref>, Kutschera (1989, S. 125)<ref name="Kutschera"/>). | |||
Um sich Frege-Paare zu veranschaulichen, kann man dennoch einen Trick anwenden: Man identifiziert Funktionen mit ihrem Wertverlauf (so wie das heute eben üblich ist). | |||
Das einzige Problem, dass man sich dabei einhalndelt, ist, dass Fregepaare ($a \;;\; b$) mit Hilfe von anderen Paaren ($[a,b]$; siehe Artikel „[[geordnetes Paar]]“) | |||
definiert werden. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. So werden z.B. auch [[Geordnetes_Paar#Morse_.281965.29.5B9.5D|Morse-Paare]] mit Hilfe von | |||
[[Geordnetes_Paar#Kuratowski_.281921.29.5B20.5D|Kuratwoski-Paaren]] definiert. | |||
Frege betrachtet nicht nur arithmetische Funktionen, sondern auch [[Prädikatsfunktion]]en. | Frege betrachtet nicht nur arithmetische Funktionen, sondern auch [[Prädikatsfunktion]]en. | ||
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Eine Pädikatsfunktion liefert für alle Argumente einen [[Junktor#Nullstellige_Junktoren|Wahrheitswert]] <code>T</code> oder <code>F</code> | Eine Pädikatsfunktion liefert für alle Argumente einen [[Junktor#Nullstellige_Junktoren|Wahrheitswert]] <code>T</code> oder <code>F</code> | ||
als Ergebnis. Frege bezeichnet diese Werte als „das Wahre“ und „das Falsche“. | als Ergebnis. Frege bezeichnet diese Werte als „das Wahre“ und „das Falsche“. | ||
Wenn $\phi$ eine [[Prädikatsfunktion]] ist, kann der Wertverlauf von $\phi$ auch als Klasse aufgefasst werden, | Wenn $\phi$ eine [[Prädikatsfunktion]] ist, die '''jedem''' Objekt im Frege-Universum einen Wahrheitswert zuordnet, kann der Wertverlauf von $\phi$ auch als Klasse aufgefasst werden, | ||
die alle Elemente (Frege: „Gegenstände“) $\epsilon$ enthält, für die $\phi(\epsilon)$ wahr ist. | die alle Elemente (Frege: „Gegenstände“) $\epsilon$ enthält, für die $\phi(\epsilon)$ wahr ist. | ||
$\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ entspricht unter dieser Sichtweise der Klasse $\{\epsilon: \phi(\epsilon)\}$ (vgl. Kutschera (1989, Kapitel 6.4)<ref name = "Kutschera"/>). Insbesondere definiert | $\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ entspricht unter dieser Sichtweise der Klasse $\{\epsilon: \phi(\epsilon)\}$ (vgl. Kutschera (1989, Kapitel 6.4)<ref name = "Kutschera"/>). | ||
Insbesondere definiert Frege die leere Menge und einelementige Mengen mit Hilfe von Wertverläufen (führt dafür aber keine eigenen Symbole ein): | |||
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Frege definiert | ===Die Frown-Funktion=== | ||
Frege definiert die Frown-Funktion folgendermaßen: | |||
<div class="formula">$\Vdash\backslash\acute{\alpha}(\neg\bigwedge g : u = \acute{\epsilon}g(\epsilon) \rightarrow \neg g(a) = \alpha) = a \frown u$</div> | <div class="formula">$\Vdash\backslash\acute{\alpha}(\neg\bigwedge g : u = \acute{\epsilon}g(\epsilon) \rightarrow \neg (g(a) = \alpha)) = a \frown u$</div> | ||
Dies kann man mit Hilfe der Operatoren $\bigvee$ und $\wedge$ (die Frege allerdings nicht explizit definiert und daher auch nicht explitizt verwendet), | Dies kann man mit Hilfe der Operatoren $\bigvee$ und $\wedge$ (die Frege allerdings nicht explizit definiert und daher auch nicht explitizt verwendet), | ||
etwas einfacher ausdrücken (da $\neg \bigwedge g: a \rightarrow \neg b$ äquivalent zu $\bigvee g: a \wedge b $ ist): | etwas einfacher ausdrücken (da $\neg \bigwedge g: a \rightarrow \neg b$ äquivalent zu $\bigvee g: a \wedge b $ ist): | ||
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<div class="formula">$\Vdash\backslash\acute{\alpha}(\bigvee g : u = \acute{\epsilon}g(\epsilon) \wedge g(a) = \alpha) = a \frown u$</div> | <div class="formula">$\Vdash\backslash\acute{\alpha}(\bigvee g : u = \acute{\epsilon}g(\epsilon) \wedge g(a) = \alpha) = a \frown u$</div> | ||
$a \frown u$ liefert also, falls u der Wertverlauf einer Funktion $\phi$ ist, den Wert der Funktion $\phi$ für das Argument $a$ als Ergebnis. | |||
Falls $u$ kein Wertverlauf ist, gilt dagegen $a \frown u = \acute{\epsilon}\neg(\epsilon=\epsilon)$, d.h. $a \frown u$ hat die leere Menge als Ergebnis. (Frege (1893, S. 53, letzter Absatz)<ref name="Frege (1893)"/>; Kutschera (1989, S. 104)<ref name = "Kutschera"/>). | |||
Wenn $\phi$ wieder eine Prädikatsfunktion ist, entspricht der $\frown$-Operator dem heutigen Elementoperator $\in$: | |||
<div class="formula">$a \frown \acute{\epsilon}\phi(\epsilon) = \phi(a)$</div> | |||
entspricht dann in moderner Notation Folgender Beziehung: | |||
<div class="formula">$a \in \{\epsilon: \phi(\epsilon)\} \leftrightarrow \phi(a)$</div> | |||
===„Übersetzung“ von Freges Definition in „moderne“ Symbolik=== | |||
{{TBD}} | |||
Das heißt, man kann in modernen Klassensystemen Freges Paardefinition | Das heißt, man kann in modernen Klassensystemen Freges Paardefinition | ||
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& = & \phi(a) | & = & \phi(a) | ||
\end{array} $</div> | \end{array} $</div> | ||
'''Nach diesen zahlreichen Vorbemerkungen, kann man sich Freges Definition nun folgendermaßen veranschaulichen:''' | '''Nach diesen zahlreichen Vorbemerkungen, kann man sich Freges Definition nun folgendermaßen veranschaulichen:''' | ||
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Wertverlauf einer zweistelligen Funktion ist. Welchen Wert $\epsilon(a)(o)$ annimmt, falls $\epsilon$ keine zweistelltige Funktion ist, hängt vom zugrundeliegenden | Wertverlauf einer zweistelligen Funktion ist. Welchen Wert $\epsilon(a)(o)$ annimmt, falls $\epsilon$ keine zweistelltige Funktion ist, hängt vom zugrundeliegenden | ||
Klassensystem ab. Für die weiteren Betrachtungen ist es nicht von Bedeutung, welcher konkrete Wert dies ist, da nur zweistellige Funktionen betrachtet werden.) | Klassensystem ab. Für die weiteren Betrachtungen ist es nicht von Bedeutung, welcher konkrete Wert dies ist, da nur zweistellige Funktionen betrachtet werden.) | ||
Version vom 1. April 2015, 11:33 Uhr
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Der Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege gilt als Begründer der modernen Logik. Kutschera (1989, S. 4) beispielsweise sagt, es sei „auch nicht übertrieben, wenn man ihn oft als den bedeutendsten Logiker nach Aristoteles bezeichnet“. Zu Lebzeiten fand Frege jedoch kaum Anerkennung.[1]
Der Artikel „Geordnetes Paar“ befasst sich mit der Geschichte und den wichtigsten Definitionen des „geordneten Paares“. Die älteste mir bekannte Definition, die den Paar-Begriff auf zuvor definierte Grundbegriffe zurückführt, ist die Definition von Frege.
Da die Symbolik, die Frege verwendet, ungewöhnlich ist (dies war auch einer der Gründe, warum er wenig anerkennung fand[2]), ist seine Definition nicht ohne Weiters zu verstehen. Im Folgenden soll daher versucht werden, diese Definition etwas zu veranschaulichen.
Frege (1893)[3]

Wir definiren nun das Paar so:
Das Semikolon ist hierbei zweiseitiges Functionszeichen. (Frege (1893), §144, S. 179[3])
Das Paaraxiom

Frege beweist mit Hilfe der von ihm definerten Axiome mehrere Paar-Eigenschaften. Die wichtigsten dieser Sätze sind (in moderner Notation, wobei das Symbol $\vdash$ der „Inferenzoperator“ ist):
- Wenn ein Gegenstand mit einem zweiten und ein dritter Gegenstand mit einem vierten zusammenfällt, so fällt das aus dem ersten und dritten bestehende Paar zusammen mit dem aus dem zweiten und vierten bestehenden.
- Wenn ein Paar mit einem zweiten zusammenfällt, so fällt das zweite Glied des ersten mit dem zweiten Gliede des zweiten zusammen.
- (ohne weitere Erörterungen von Frege)
Diese Eigenschaften zeigen, dass sein Paarbegriff das Paaraxiom erfüllt, welches explizit erst vier Jahre später von Giuseppe Peano formuliert wurde (vgl. Geordnetes Paar).[4]
Probleme mit dem Verständnis von Freges Definition
Freges Definition ist nicht zu verstehen, wenn man seine Symbolik nicht kennt und daher falsch interpretiert.
Richard Heck merkt zu dieser Definition beispielsweise fälschlicherweise an, dass sie extravagant sei und weder mengentheoretisch noch mit Hilfe der Prädikatenlogik zweiter Ordnung konsistent nachgebildet werden kann:
Unfortunately, Frege's definition of ordered pairs is, as George Boolos once put it, extravagant and can not be consistently reconstructed, either in second-order logic or in set-theory.[5]
Auch ist nicht notwendigerweise jeder Versuch, diese Definition in eine moderne Form zu zu bringen, von Erfolg gekrönt. Randall Dipert übersetzt Freges Definition beispielsweise folgendermaßen:[6]
Er merkt an, dass diese Definition falsch ist, weil z.B. die beiden Paare $[\{\{c\}\}, c]$ und $[\{c\}, \{c\}]$ nicht unterschieden werden könnten, da sie beide durch $\{\{\{c\}\}, \{c\}\}$ repräsentiert würden. Das stimmt zwar, ist aber nicht Freges Definition anzulasten, sondern Diperts falscher Interpretation dieser Definition.
Gottlob Frege definiert das Paar $o \;;\; a$ mit Hilfe des „Werthverlaufs“ $\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ einer speziellen Funktion $\phi$, und der „Function $\xi \frown \zeta$ mit zwei Argumenten“ (Frege (1893, §9 und §34)[3]). Da Frege der Funktion $\frown$ keinen Namen gibt, soll diese im Folgenden „Frown“ heißen (in Anlehnung an den Namen des LaTeX-Symbols, mit dem sie in diesem Beitrag dargestellt wird).
Wesentlich für das Verständnis von Freges Definition ist, die Bedeutung des Wertverlaufs einer Funktion und die Frown-Funktion zu kennen. Auch hier leitet die Literatur einen leicht in die Irre. Beispielsweise interpretiert Edward Zalta (2014, Abschnitt 2.3) die Frown-Operation als Element-Operation $\in$.[7] Das ist richtig, falls $\zeta$ der Wertverlauf einer Prädikatsfunktion ist, d.h. einer Funktion, die jedes Element des Frege-Universums auf einen Wahheitswert abbildet. Eine derartige Funktion wird von Frege „Begriff“ genannt (Zalta verwendet die englische Übersetzung “concept”). Die Frown-Funktion von Frege ist allerdings nicht nur für Wertverläufe von „Begriffen“ definiert, sondern für Wertverläufe von beliebigen Funktionen. Das heißt, i. Allg. kann man $\frown$ nicht mit $\in$ gleichsetzen.
Wertverlauf und Frown-Funktion
Freges Definition
enthält drei unübliche Symbol, deren Bedeutungen im Folgenden näher beleuchtet werden: $\Vdash$, $\acute\cdot$ und $\frown$.
Der Definitiondoppelstrich
$\Vdash$ ist der „Definitionsdoppelstrich“, der von Frege als Erweiterung des „Urtheilstrich“s $\vdash$ definiert wird (Frege (1893, §27 und §5)[3]). Das Symbol $\vdash$ wird in der Logik heute noch als „Herleitungs“-/„Ableitungs“- bzw. „Inferenzoperator“ verwendet (siehe z.B. den Abschnitt „Das Paraxiom“).
Der Wertverlaufsoperator
Der Operator $\acute\cdot$ wird von Frege genutzt, um den Wertverlauf einer Funktion $\phi$ zu beschreiben. Laut Kutschera (1989, S. 96)[1] kann man den zugehörigen Wertverlauf $\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ in heutigen Klassensystemen durch die Klasse $\{[\epsilon,y]: y=\phi(\epsilon)\}$ ausdrücken. Für Frege sind Funktionen allerdings grundlegender als Klassen. Er wusste noch nicht, dass Klassen und der Paarbegriff ausreichen, um Relationen und Funktionen zu definieren. Daher ist „Werthverlauf“ für ihn ein Grundbegriff, der nicht definiert, sondern nur erläutert werden kann.[1] Heute wird zwischen einer Funktion und ihrem Wertverlauf i.Allg. nicht mehr unterschieden. Im Gegenteil: Funktionen werden mit Hilfe von Wertverlaufsklassen definiert (siehe z.B. Schmidt (1966)[8]): Eine Funktion $f$ ist eine Klasse von Paaren, wobei es keine zwei Paare $[x_1, y_1], [x_2, y_2] \in f$ gibt, für die $x_1 = x_2$, aber $y_1 \not= y_2$ gilt.
Da Funktionen (genauer: Wertverläufe von Funktionen) wesentlich für die Definition des Freges-Paares sind, können Funktionen nicht mit Hilfe des Frege-Paares (als Klasse von Paaren) definiert werden können. Das war aber auch nicht die Absicht von Frege. Er benötigte die Paare zur Konstruktion von reellen Zahlen (vgl. Frege (1903, §161 ff.)[9], Kutschera (1989, S. 125)[1]).
Um sich Frege-Paare zu veranschaulichen, kann man dennoch einen Trick anwenden: Man identifiziert Funktionen mit ihrem Wertverlauf (so wie das heute eben üblich ist). Das einzige Problem, dass man sich dabei einhalndelt, ist, dass Fregepaare ($a \;;\; b$) mit Hilfe von anderen Paaren ($[a,b]$; siehe Artikel „geordnetes Paar“) definiert werden. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. So werden z.B. auch Morse-Paare mit Hilfe von Kuratwoski-Paaren definiert.
Frege betrachtet nicht nur arithmetische Funktionen, sondern auch Prädikatsfunktionen.
Diese heißen bei ihm „Begriffe“ (Frege (1893, §3, S. 8)[3]).
Eine Pädikatsfunktion liefert für alle Argumente einen Wahrheitswert T oder F
als Ergebnis. Frege bezeichnet diese Werte als „das Wahre“ und „das Falsche“.
Wenn $\phi$ eine Prädikatsfunktion ist, die jedem Objekt im Frege-Universum einen Wahrheitswert zuordnet, kann der Wertverlauf von $\phi$ auch als Klasse aufgefasst werden,
die alle Elemente (Frege: „Gegenstände“) $\epsilon$ enthält, für die $\phi(\epsilon)$ wahr ist.
$\acute{\epsilon}\phi(\epsilon)$ entspricht unter dieser Sichtweise der Klasse $\{\epsilon: \phi(\epsilon)\}$ (vgl. Kutschera (1989, Kapitel 6.4)[1]).
Insbesondere definiert Frege die leere Menge und einelementige Mengen mit Hilfe von Wertverläufen (führt dafür aber keine eigenen Symbole ein):
| moderne Definition | Freges Definition | Quellen | |
|---|---|---|---|
| leere Menge | $\emptyset := \{x: x\not=x\}$ | $\acute{\epsilon}\neg(\epsilon=\epsilon)$ | Klasse, Frege (1893, S. 53, vorletzter Absatz)[3] |
| Einermenge | $\{a\} := \{x: x=a\}$ oder $\{a\} := \{x: \rm{Mg}(a) \rightarrow x = a\}$ |
$\acute{\epsilon}(\epsilon=a)$ | Klasse, Frege (1893, §11)[3] |
| Extraktion des Elements einer Einermenge |
$\rm{Mg(a)} \wedge A =\{s\} \rightarrow \bigcap{A} = a$ | Wenn $A =\acute{\epsilon}(\epsilon=a)$, dann $\backslash A = a$ | |
| Für Nicht-Einermengen liefern $\bigcap$ und $\backslash$ allerdings unterschiedliche Ergebnisse. | |||

Die Frown-Funktion
Frege definiert die Frown-Funktion folgendermaßen:
Dies kann man mit Hilfe der Operatoren $\bigvee$ und $\wedge$ (die Frege allerdings nicht explizit definiert und daher auch nicht explitizt verwendet), etwas einfacher ausdrücken (da $\neg \bigwedge g: a \rightarrow \neg b$ äquivalent zu $\bigvee g: a \wedge b $ ist):
$a \frown u$ liefert also, falls u der Wertverlauf einer Funktion $\phi$ ist, den Wert der Funktion $\phi$ für das Argument $a$ als Ergebnis. Falls $u$ kein Wertverlauf ist, gilt dagegen $a \frown u = \acute{\epsilon}\neg(\epsilon=\epsilon)$, d.h. $a \frown u$ hat die leere Menge als Ergebnis. (Frege (1893, S. 53, letzter Absatz)[3]; Kutschera (1989, S. 104)[1]).
Wenn $\phi$ wieder eine Prädikatsfunktion ist, entspricht der $\frown$-Operator dem heutigen Elementoperator $\in$:
entspricht dann in moderner Notation Folgender Beziehung:
„Übersetzung“ von Freges Definition in „moderne“ Symbolik
TO BE DONE
Das heißt, man kann in modernen Klassensystemen Freges Paardefinition
folgendermaßen formulieren:
Insbesondere gilt daher:
a \frown \acute{\epsilon}\phi(\epsilon) & = & \backslash\acute{\alpha}(\bigvee g : \acute{\epsilon}\phi(\epsilon) = \acute{\epsilon}g(\epsilon) \wedge g(a) = \alpha) \\
& = & \backslash\acute{\alpha}(\phi(a) = \alpha) \\
& = & \phi(a)
\end{array} $Nach diesen zahlreichen Vorbemerkungen, kann man sich Freges Definition nun folgendermaßen veranschaulichen:
Wenn man, wie zuvor erörtert wurde, eine Funktion mit ihrem Wertverlauf gleichsetzt ($\{\epsilon: \phi(\epsilon)\} \;\hat=\; \phi$), dann kann der $\frown$-Operator mit dem Funktionsaufruf-Operator $(\cdot)$ gleichgesetzt werden: $\phi(a) = a \frown \acute{\epsilon}\phi(\epsilon) \;\hat=\; a \frown \phi$.
Freges Definition
kann man sich damit folgendermaßen veranschaulichen:
TO BE DONE
Veranschaulichung von Freges Definition
Freges Definition
kann man in modernen Klassensystemen im Prinzip durch folgende Definition nachbilden:
(Die Begründung für diese Darstellung und die Unterschiede zu Freges Definition werden im übernächsten Abschnitt erörtert.)
Es fällt auf, dass der Paar-Begriff von Frege wesentlich auf dem Funktionbegriff basiert: Ein Frege-Paar ist eine Funktion, deren Definitionsbereich lauter zweistellige Funktionen enthält. (Genaugenommen ist der Definitionsbereich eines Frege-Paars gleich der Allklasse. Allerdings ist $o \frown (a \frown \epsilon))$ bei Frege gleich der leeren Menge, wenn $\epsilon$ kein Wertverlauf einer zweistelligen Funktion ist. Welchen Wert $\epsilon(a)(o)$ annimmt, falls $\epsilon$ keine zweistelltige Funktion ist, hängt vom zugrundeliegenden Klassensystem ab. Für die weiteren Betrachtungen ist es nicht von Bedeutung, welcher konkrete Wert dies ist, da nur zweistellige Funktionen betrachtet werden.)
Projektionsoperatoren für Frege-Paare
Quellen
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 Kutschera (1989): Franz von Kutschera; Gottlob Frege – Eine Einfügrung in sein Werk; Verlag: Walter de Gruyter GmbH; Adresse: New York; Web-Link; 1989; Quellengüte: 5 (Buch)
- ↑ Wußing (2009): Hans Wußing; 6000 Jahre Mathematik – Eine kulturgeschichtliche Zeitreise – Von Euler bis zur Gegenwart; Hrsg.: H.W. Alten, A. Djafari Naini und H. Wesenmüller-Kock; Band: Band 2; Auflage: 1; Verlag: Springer-Verlag GmbH; Adresse: Berlin; ISBN: 3642023630; 2009; Quellengüte: 5 (Buch), S. 402
- ↑ 3,00 3,01 3,02 3,03 3,04 3,05 3,06 3,07 3,08 3,09 3,10 3,11 3,12 3,13 3,14 Frege (1893): Gottlob Frege; Grundgesetze der Arithmetik; Band: I; Verlag: Verlag Hermann Pohle; Adresse: Jena; Web-Link 0, Web-Link 1, Web-Link 2, Web-Link 3; 1893; Quellengüte: 5 (Buch)
- ↑ Peano (1897a): Giuseppe Peano; Studii de Logica Matematica; Atti della Reale Accademia delle scienze di Torino; Reihe: Classe di Scienze Fisiche Matematiche e Naturali; Band: 32; Seite(n): 565-583; Verlag: Accademia delle Scienze di Torino; Adresse: Torino; Web-Link; 1897 (Sammelband)
- ↑ Heck (1997): Richard G. Heck Jnr.; Definition by Induction in Frege's Grundgesetze der Arithmetik; in: Frege: Philosophy of Mathematics; Hrsg.: William Demopoulos; Verlag: Harvard University Press; Adresse: Cambridge; ISBN: 9780674319431; Web-Link 0, Web-Link 1; 1997; Quellengüte: 5 (Buchartikel)
- ↑ Dipert (1982): Randall R. Dipert; Set-Theoretical Representationsof Ordered Pairs and TheirAdequacy for the Logicof Relations; in: Canadian Journal of Philosophy; Band: XII; Nummer: 2; Seite(n): 353-374; Verlag: University of Calgary Press; Web-Link 0, Web-Link 1, Web-Link 2; 1945; Quellengüte: 5 (Artikel), S. 355
- ↑ Zalta (2014): Edward N. Zalta; Frege's Theorem and Foundations for Arithmetic; Hrsg.: Edward N. Zalta; Reihe: The Stanford Encyclopedia of Philosophy; Band: 2014; Nummer: 4; Hochschule: Stanford University; http://plato.stanford.edu/entries/frege-theorem/index.html; Quellengüte: 5 (Web)
- ↑ 8,0 8,1 Schmidt (1966): Jürgen Schmidt; Mengenlehre – Grundbegriffe; Reihe: B.I.Hochschultaschenbücher; Band: 1; Nummer: 56; Verlag: Bibliographisches Institut AG; Adresse: Mannheim; ISBN: B0000BUJC6; 1966; Quellengüte: 5 (Buch)
- ↑ Frege (1903): Gottlob Frege; Grundgesetze der Arithmetik; Band: II; Verlag: Verlag Hermann Pohle; Adresse: Jena; Web-Link 0, Web-Link 1; 1903; Quellengüte: 5 (Buch)
